2. Die Begierde
The day after
Du kannst doch unter der Woche nicht so lange fortgehen…
Du kannst doch unter der Woche nicht so viel Alkohol trinken(oder andere gefährliche Substanzen zu dir nehmen)…
Du kannst doch unter der Woche nicht einfach Sex haben, womöglich mit jemand, den du nicht einmal kennst….
Du bist zu alt für all diese Sachen! Frau, reiß dich zusammen!
Und überhaupt, du musst dich schon anpassen, als Frau, sonst bist du bald nicht mehr Gesellschaftsfähig. Mach was aus deinem Leben, geh Geld verdienen, mach Karriere, oder bekomm Kinder und koch immer schön brav! Sei hübsch, geh zum Frisör und werd ja nicht zu fett. Wie auch immer, Was auch immer….Pass dich an! Sei so wie die Gesellschaft dich haben will!
Wer sagt das? – Deine Moral! Geprägt von der Gesellschaft mit ihren überkommenen Grundvorstellungen, wie man eben sein sollte!
Schmeiß sie weg, diese verlogene Moral! Lebe so wie du willst!
Wer sagt das? – Deine Seele!
Diese von der Gesellschaft geprägte, verlogene Moral erhebt heute erneut ihre Stimme und ermahnt mich: Trink nicht zuviel! Konsumiere keine Drogen! Gib dich den Männern nicht billig hin! Das ist der Verhaltenskodex an dem du dich halten musst! Spontane Emotionen die gelebt werden, sind nicht erwünscht. Nur keine Authentizität zeigen, das will keiner!
Gestern Abend habe ich diese Moral mit Füßen getreten, und meine Seele mit all ihren extremen Seiten ausleben lassen. Und nun hat mich das von der verlogenen Moral durchdrungene schlechte Gewissen wieder fest in der Hand und quälende Fragen beschäftigen mich: Hab ich zuviel getrunken? Ja! Hab ich zu viele Drogen konsumiert? Zuviel vom falschen Zeug… Männer? Sebastian!
Sebastian. Genau. Aber was war mit ihm? Es fällt mir schwer zu denken. Mein Kopf schmerzt und übel ist mir auch. Langsam fallen mir die verschiedenen Episoden des Abends wieder ein: Badeschiff, Club Susi, Alkohol, Drogen, wilde Tanzerei, SEBASTIAN, Klo. Das Klo. Da hat ja die fastsexeinlage stattgefunden. Dann die ganze Tanzerei mit ihm. Und ich war total betrunken, völlig Stoned. Fuck, bei dem hab ich sicherlich einen schlechten Eindruck hinterlassen.
Mittlerweile ist es bereits später Nachmittag, ich liege noch immer im Bett und grüble vor mich hin. In Gedanken versunken, versuche ich aufs Neue die letzte Nacht detail getreu zu rekonstruieren, was mir aber nur teilweise gelingt. Verdammter Hirnfick! Besser ich geh mal in die Küche und mach mir dort was Deftiges zum Essen. Mein Magen braucht jetzt was Rustikales, damit er sich wieder einrenkt. Außer eine Dose mit Bohnen und Speck ist nichts da. Egal. Für meine Zwecke ist das sowieso rustikal genug. Hungrig bereite ich mir innerhalb von 4 Minuten dieses ´exquisites Gericht´ zu. Setz mich damit in den Schaukelstuhl und verschling es in nicht einmal 2 Minuten.
Meinem Magen geht es jetzt zwar besser, meiner Psyche aber immer noch nicht. Wieder denke ich über den gestrigen Abend nach und grüble vor mich hin. Wie sah Sebastian eigentlich aus? An sein Äußeres kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. So sehr ich auch versuche mir sein Gesicht vorzustellen, es gelingt mir nicht wirklich, das einzige was sich mir eingeprägt hat, sind seine Augen: groß, blau und trotzig. Ansonsten sehe immer das gleiche Bild vor mir: ein blass wirkender junger Mann im rot karierten Hemd. Und trotzdem hat er bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dieser Eindruck lässt sich nicht in Worten fassen. Es spielt sich mehr auf der Gefühlsebene ab. Seltsamer Weise fühle ich mich ihm verbunden, spüre eine gewisse Vertrautheit zwischen uns.
‚Du fühlst dich ihm also verbunden? Spürst eine Vertrautheit zwischen dir und Sebastian? Bist du dir da sicher?’ fragt mich mein Verstand und sagt mir, diese Gefühle sind von mir künstlich erzeugt und haben nichts mit Sebastian zu tun. Sie können nichts mit ihm zu tun haben! Schließlich kenne ich ihn erst seit ein paar Stunden. Ich gebe mich einer Illusion hin, die nichts mit der Realität zu tun hat. Die Gefühle wiederum beharren auf ihre Daseinsberechtigung in der realen Welt, und sagen mir: denk mit dem Herzen!
Körperlich total ausgelaugt schlepp ich mich von der Küche in mein Zimmer, lass mich wie ein Sack Kartoffel ins Bett fallen und versuche mich zu entspannen. Jedoch der verdammte Hirnfick meldet sich nach einer kleinen Pause mit voller Wucht wieder zurück. Immer die gleichen Fragen, die mich quälen: Hab ich die Kontrolle über mich verloren? Habe ich mich blamiert? Wird er sich bei mir melden?
Plötzlich hör ich von meinem Laptop einen mir sehr vertrauten Ton. Der Ton der mir sagt: Sie haben eine Email erhalten.
Unverzüglich stehe ich auf, begebe mich zu meinem Schreibtisch, welcher gleich neben meinem Bett steht und klicke auf Posteingang. Ich bin sehr aufgeregt. Bitte lass es von Sebastian sein, denke ich mir. Es ist von Sebastian! Er schreibt, dass ich ihm den Kopf verdreht habe und er mich unbedingt wieder sehen möchte. Seine Telefonnummer hat er auch gleich hinzugefügt. Schlagartig geht es mir besser und Endorphine durchströmen meinen Körper!
Es ist 17:10, als ich ihm folgendes antworte:
Hallo Sebastian...
ich bin ganz überrascht und auch sehr erfreut, dass du dir meine email gemerkt hast. Jedenfalls würde ich dich gerne wieder mal sehn...quasi ein offizielles date ;-). Heute geht es leider nicht mehr, ich bin immer noch ziemlich fertig. Aber nächste Woche würde es der Dame sehr passen den charmanten Herrn mit dem rot karierten Hemd wieder zu sehn.
Meine Nummer :********
Meine Nummer :********
Béatrice
Wird er mir jetzt gleich eine SMS schreiben? Wird er mich gleich anrufen? Wird er mir per Email antworten? Oder wird er sich doch erst nächste Woche melden? Ich hätte meine Email mit irgendeiner Frage beenden sollen, dann würde er garantiert gleich oder zumindest heute oder morgen antworten. Ich an seiner Stelle würde mir sofort zurück schreiben. Da ich aber nicht er bin und auch nicht weiß welchen Eindruck ich bei ihm hinterlassen habe, heißt es jetzt mal abwarten.
Aber genau das ist mein Problem, ich hasse es zu Warten. Warten auf jemanden, warten auf eine Antwort, warten auf irgendetwas, ganz egal was, ich mag es einfach nicht. Und Sebastian lässt mich gerade warten! Ich verstehe das nicht. Er müsste meine Email doch schon längst gelesen haben. Ist er vielleicht gar nicht daheim? Aber er hat mir doch die Mail gesendet. Das heißt doch, dass er zuhause sein sollte. Also warum antwortet er scheißverdammtnocheinmal nicht?
Eigentlich bin ich ein geduldiger Mensch, jedenfalls behaupten das die anderen von mir. Aber hinter dieser scheinbaren Geduld verbirgt sich ein äußerst ungeduldiger und unsicherer Mensch, der Angst vor offenen Konfrontationen hat.
Geduld ist die Kunst, die Ungeduld zu verbergen und ich finde dieses Sprichwort ziemlich passend, es trifft absolut auf mich zu. Ich beherrsche diese Kunst wahrlich vortrefflich. Heute aber wird meine Kunstfertigkeit beiseite gelegt und ich gehe offen zur Ungeduld über, die mich dazu antreibt Sebastian eine SMS zu schicken. Was soll ich überhaupt schreiben? Ich weiß schon:
Und? Has du meine Email schon gelesen?
Verdammt, jetzt habe ich zu schnell auf absenden gedrückt! Wie blöd bin ich eigentlich? Ihm so eine bekloppte SMS zu senden! Nicht gerade ein Glanzstück von mir, Sebastian per SMS zu fragen, ob er meine Email schon gelesen hat. Hätte ich doch meine Geduld walten lassen! Diese Nachricht war total für´n Arsch. Sinnlos. Egal, scheiß drauf. Entweder er antwortet jetzt oder eben nicht. Zu meiner Überraschung antwortet er sofort:
Ich habe deine Email noch nicht gelesen, da ich noch nicht daheim war.
Sonst nichts. Ich möchte jetzt aber unbedingt wissen, ob und wann er mich treffen möchte. Deshalb entschließe ich mich dazu, ihm noch eine SMS zu senden, und zu fragen wann er Zeit hat. Die Antwort folgt prompt:
Bin bei Freunden und wir planen gerade die Tokyo Reise, in 2 Wochen soll es losgehen. Also ich weiß noch nicht, wann es bei mir geht.
Gestern noch voller Leidenschaft und heute so kühl? Dieser Typ verwirrt mich! Zuerst schickt er mir so eine nette Email, wo er deutlich sagt er möchte mich wiedersehen und gibt mir auch noch seine Telefonnummer. Und jetzt diese Kälte! Was soll das? Verfolgt er irgendeine Strategie? Oder ist er einer von diesen Typen, die nicht wissen was sie wollen? Hat er diese Mail im betrunkenen Zustand geschrieben und bereut es jetzt? Ist das seine Art mir mitzuteilen: lass mich in Ruhe?!
‚Du machst dich zum Affen, und das mit 32 Jahren! Merkst du denn nicht, dass er dich nur verarscht? Er macht sich über dich lustig! Wahrscheinlich lacht er mit seinen Freunden gerade über dich. Er spielt ein Spiel mit dir. Sei vorsichtig!’ flüstert mir meine hinterfotzige Freundin Paranoia zu.
Erstes Bauchweh stellt sich ein. Eigentlich viel zu früh, für ein ungutes Gefühl in der Bauchgegend. Erneut kommen wirre, paranoide Gedanken auf, die mich aufs Neue beschäftigen und ich schlafe unruhig ein.

Fortsetzung folgt....:)
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